Bei einer Pressekonferenz am 21. Oktober 2026 präsentierten die drei Organisationen eine vergleichende Analyse zur schulischen Inklusion in Österreich. Der Bericht zeigt, dass der Zugang zu inklusiver Bildung stark vom Wohnort abhängt. Im Schuljahr 2024/25 hatten 31.411 Schüler*innen einen sonderpädagogischen Förderbedarf. Mehr als ein Drittel von ihnen, 36,6 Prozent, besuchte eine Sonderschule. Je nach Bundesland liegt der Anteil der inklusiv unterrichteten Kinder zwischen 43 und 84 Prozent.
Maria Katharina Moser, Direktorin der Diakonie Österreich, kritisierte, dass es nicht nur an inklusiven Schulplätzen, sondern auch an der entsprechenden Haltung fehle. Das Bildungssystem konzentriere sich zu häufig darauf, was Kinder nicht können, anstatt ihre Fähigkeiten und Begabungen in den Mittelpunkt zu stellen. Noch immer würden Kinder mit Behinderungen ausgesondert und Investitionen in Sonderschulen gegenüber inklusiver Bildung bevorzugt.
Moser forderte, die vorhandenen Mittel gezielt in inklusive Bildung zu investieren. Dazu brauche es eine stärkere interdisziplinäre Zusammenarbeit an den Schulen, etwa durch Schulpsycholog und weitere unterstützende Fachkräfte. Auch Schulassistent*innen seien wesentlich für das soziale Miteinander und eine gelingende Inklusion. Schule sei schließlich nicht nur ein Ort des Lernens, sondern ein wichtiger Lebensort für alle Kinder und Jugendlichen.
Familien brauchen Sicherheit
Karin Riebenbauer, Gründerin und Geschäftsführerin von Inklusion Österreich, betonte die Perspektive betroffener Familien. Eltern müssten die Sicherheit haben, dass ihre Kinder mit Behinderungen einen Schulplatz bekommen und dort ausreichend unterstützt werden. Sie berichtete, dass beispielsweise Kinder aus dem Autismus-Spektrum häufig bereits um 9 Uhr oder zu Mittag von der Schule abgeholt werden müssen. Für die betroffenen Eltern sei es unter diesen Bedingungen kaum möglich, einer Berufstätigkeit nachzugehen.
Riebenbauer forderte die Abschaffung des segregierenden Schulsystems und kritisierte, dass betroffene Familien seit Jahren auf Veränderungen warten. Als positives Beispiel verwies sie auf Annika und Julian, die als Schüler*innen des inklusiven Gymnasiums der Diakonie an der Pressekonferenz teilnahmen. Solche Bildungsmöglichkeiten müssten allen Kindern offenstehen.
Der Lernort beeinflusst die Zukunftschancen
Die Analyse verdeutlicht auch die langfristigen Auswirkungen unterschiedlicher Bildungswege. Zwei Jahre nach dem Verlassen einer Sonderschule hat mehr als die Hälfte der Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf keinen Anschluss an Bildung, Arbeit oder Unterstützungsangebote. Bei Jugendlichen mit demselben Förderstatus aus Regelschulen ist es etwas mehr als ein Viertel.
Moser unterstrich, dass die Daten deutlich schlechtere Arbeitsmarktchancen für Jugendliche nach dem Besuch einer Sonderschule zeigen. Der schulische Lernort spiele damit eine wichtige Rolle für ihre späteren Teilhabemöglichkeiten.
Philippe Narval, Geschäftsführer der Lebenshilfe Österreich, machte auf die Bedeutung sozialer Beziehungen aufmerksam. Gerade Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf fehle es häufig an sozialen Kontakten außerhalb jener Einrichtungen, in denen sie betreut werden. Gemeinsames Lernen von Kindern mit und ohne Behinderungen sei deshalb auch für die gesellschaftliche Teilhabe von entscheidender Bedeutung.
Fehlende Daten erschweren Reformen
Narval kritisierte zudem die mangelhafte Datenlage zur schulischen Inklusion. Österreich sei zwar reich an Namen, aber arm an Daten. Er bemängelte auch die aus seiner Sicht fehlende Veröffentlichung einer wissenschaftlichen Evaluierung. Verlässliche und transparente Daten seien notwendig, um die Entwicklung inklusiver Bildung beurteilen und gezielte Reformen umsetzen zu können.
Die vorgestellte Analyse zeige ebenfalls erhebliche Daten- und Transparenzlücken auf. Die veröffentlichten Informationen der Statistik Austria und der Bundesländer seien teilweise widersprüchlich und schwer vergleichbar. Besonders die Bildungs- und Berufswege junger Menschen mit Behinderungen müssten systematischer erfasst werden.
Organisationen fordern ein Ende der Aussonderung
Lebenshilfe Österreich, Diakonie Österreich und Inklusion Österreich fordern ein inklusives Bildungssystem ohne separates Sonderschulwesen. Die vorhandenen Ressourcen müssten zugunsten inklusiver Regelschulen umverteilt und bundesweit einheitliche Standards geschaffen werden. Darüber hinaus brauche es eine bessere Datenlage und ein klares politisches Bekenntnis zur inklusiven Bildung.
Österreich unterzeichnete die UN-Behindertenrechtskonvention und ratifizierte sie 2008. Damit verpflichtete sich Österreich, ein inklusives Bildungssystem sicherzustellen. Dieses Recht müssen endlich für alle Kinder und Jugendlichen umgesetzt werden, unabhängig von ihrem Wohnort und ihrem Unterstützungsbedarf.