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Startseite › Aktuelles › News › Konferenz: Gewalt im Leben von Menschen mit Behinderungen

Konferenz: Gewalt im Leben von Menschen mit Behinderungen

8. Oktober 2026

Gewalt im Leben von Menschen mit Behinderungen: Selbstbestimmung und wirksamer Schutz im Fokus

Klaus Widl spricht auf der Bühne.

Menschen mit Behinderungen sind in besonderem Maß von Gewalt, strukturellen Abhängigkeiten und Fremdbestimmung betroffen. Bei der Konferenz „Gewalt im Leben von Menschen mit Behinderungen. Ursachen, Prävention und Schutz“ des Österreichischen Behindertenrats diskutierten Expert*innen, Interessenvertretungen sowie Vertreter*innen aus Beratung und Praxis, wie Prävention verbessert und der Zugang zu wirksamem Opferschutz gestärkt werden kann.

Zum Auftakt richteten Doris Schmidauer, Sozialministerin Korinna Schumann und die Europaabgeordnete Katrin Langensiepen Videobotschaften an die Teilnehmer*innen. Anschließend begrüßten Patrick Berger, Leiter des ÖGB Chancen Nutzen Büros, und Klaus Widl, Präsident des Österreichischen Behindertenrats, die Gäste. Die Konferenz wurde von Miriam Labus moderiert.

Schumann betonte das Recht von Menschen mit Behinderungen auf ein Leben frei von Gewalt und Missbrauch. „Deshalb müssen wir dort handeln, wo der Schutz noch nicht ausreichend funktioniert, um allen Menschen in unserer Gesellschaft ein selbstbestimmtes und gewaltfreies Leben zu ermöglichen.“

Die Videobotschaft von Korinna Schumann wird im Saal gezeigt.

Doris Schmidauer verwies auf Artikel 16 der UN-Behindertenrechtskonvention und unterstrich die Bedeutung von Prävention. Katrin Langensiepen stellte die Selbstbestimmung in den Mittelpunkt: „Eine inklusive Gesellschaft schützt Menschen mit Behinderung nicht dadurch, dass andere für sie entscheiden. Sie schützt sie dadurch, dass Menschen mit Behinderung ihre Rechte kennen und wahrnehmen, selbst entscheiden und ihr Leben selbst gestalten können.“

Die Videobotschaft von Doris Schmidauer wird im Saal gezeigt.

Strukturen verändern und Menschen stärken

Patrick Berger machte deutlich, dass Prävention Menschen Handlungsmöglichkeiten geben müsse: „Wir müssen Strukturen finden und den Menschen die Möglichkeit in die Hand geben, sich gegen Gewalt zu wehren.“

Klaus Widl verwies auf den Zusammenhang von Gewaltprävention und Selbstbestimmung. Menschen müssten ihre Rechte kennen, verständliche Informationen erhalten und wissen, wohin sie sich wenden können, wenn etwas passiert. Gerade beim Zugang zu Beratung und Opferschutz bestünden weiterhin große Lücken.

Unsichtbare Gewalt sichtbar machen

Den fachlichen Auftakt bildete die Keynote „Unsichtbare Gewalt – sichtbare Verantwortung“ von Isabell Naronnig und Elisabeth Udl von Ninlil – Empowerment und Beratung für Frauen mit Behinderung.

Udl spannte den Bogen von körperlicher, psychischer und sexualisierter Gewalt bis zu struktureller Gewalt und Ableismus. Einen zentralen Zusammenhang brachte sie so auf den Punkt: „Strukturelle Gewalt ist ein Nährboden für alle Formen von Gewalt.“

Fehlende Selbstbestimmung, starke Abhängigkeiten und Machtungleichgewichte könnten andere Formen von Gewalt begünstigen. Udl betonte zugleich, dass Empowerment nicht bedeute, Menschen von heute auf morgen mit allen Entscheidungen allein zu lassen. Vielmehr gehe es darum, Menschen Schritt für Schritt darin zu unterstützen, ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, Entscheidungen zu treffen und diese einzufordern.

Auch die Verantwortung der Täter*innen sprach Udl ausdrücklich an. Die Verantwortung dürfe nicht bei jenen Menschen bleiben, die Gewalt erleben. Gewaltschutzkonzepte müssten gemeinsam erarbeitet und im Alltag tatsächlich umgesetzt werden.

Isabell Naronnig rückte besonders sexualisierte Gewalt und Machtverhältnisse in den Fokus. „Bei sexualisierter Gewalt geht es in erster Linie um Machtausübung“, erklärte sie. Menschen mit Behinderungen lebten häufig in Situationen, in denen andere Personen großen Einfluss auf ihren Alltag hätten. Gerade solche Abhängigkeiten könnten von Täter*innen ausgenutzt werden.

Zwei Frauen sitzen auf der Bühne und halten einen Vortrag.

Gewaltprävention und Opferschutz zusammendenken

In der anschließenden Podiumsdiskussion beschäftigten sich Raina Hofer, Petra Flieger, Nicole Osimk, Julia Moser und Manuela Lanzinger mit den Lücken zwischen Prävention und Opferschutz. Im Mittelpunkt standen unter anderem Schutzkonzepte, Peer-Arbeit, der Zugang zu Unterstützung und die Situation von Frauen mit Behinderungen.

Manuela Lanzinger, Vizepräsidentin des Österreichischen Behindertenrats, betonte: „Als Interessenvertretung setzt sich der ÖBR dafür ein, dass entsprechende Maßnahmen der Gewaltprävention und des Opferschutzes geschaffen werden und dass Menschen mit Behinderungen als Expert*innen einbezogen werden.“

6 Personen sitzen auf der Bühne, darunter zwei Frauen im Rollstuhl.

Menschenrechte und gesellschaftliche Strukturen

In der zweiten Keynote nahm Sabine Mandl vom Ludwig Boltzmann Institut für Grund- und Menschenrechte Gewalt gegen Menschen mit Behinderungen aus menschenrechtlicher und gendersensibler Perspektive in den Blick.

„Ein gewaltfreies Leben ist ein Menschenrecht. Damit dieses Recht Wirklichkeit wird, müssen wir als Gesellschaft dort ansetzen, wo Ausgrenzung ihren Anfang nimmt“, betonte Mandl. Dazu zählte sie abwertende Zuschreibungen, bevormundende Haltungen und Strukturen, die Teilhabe und Selbstbestimmung einschränken.

Sabine Mandl hält ihren Vortrag.

Vier Sessions zu konkreten Handlungsfeldern

Am Nachmittag wurden vier Themen vertieft: sexuelle Bildung als Gewaltprävention, der Zugang zum Gewaltschutz für Frauen mit Behinderungen, die Entwicklung und Umsetzung von Gewaltschutzkonzepten sowie strukturelle Gewalt in Institutionen.

In der Session zu sexueller Bildung ging es darum, dass Wissen über Grenzen und Rechte eine Voraussetzung für selbstbestimmte Entscheidungen über den eigenen Körper, Beziehungen und Sexualität ist.

Heidemarie Egger und Elisabeth Udl beschäftigten sich mit Barrieren beim Zugang zum Gewaltschutz für Frauen mit Behinderungen. Egger beschrieb eine „doppelte Lücke“: Frauenberatungsstellen seien zu selten barrierefrei und anti-ableistisch, während Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen häufig zu wenig auf das Thema Gewalt vorbereitet seien.

Petra Flieger und Maria Köberl widmeten sich der Umsetzung von Gewaltschutzkonzepten. Flieger betonte: „Gute Schutzkonzepte werden partizipativ erarbeitet. Es muss Möglichkeiten geben, sich beschweren zu können. Es muss sich aufgrund der Beschwerde aber etwas ändern.“

In der Session zu institutioneller Gewalt wurde thematisiert, dass nicht nur einzelne Personen, sondern auch Regeln und Strukturen Gewalt ausüben können, etwa wenn Menschen keine Wahlmöglichkeiten haben, sich machtlos fühlen oder nicht als Erwachsene ernst genommen werden.

Gewaltschutz muss früher beginnen

Zum Abschluss fasste Klaus Widl eine zentrale Erkenntnis des Tages zusammen: „Beim Gewaltschutz können wir nicht erst anfangen, wenn etwas passiert ist. Wir müssen viel früher ansetzen.“

Entscheidend sei, wie selbstbestimmt Menschen leben können, ob sie ihre Rechte kennen und ob sie die Möglichkeit haben, sich zu beschweren oder Hilfe zu holen. Gewaltschutz und Selbstbestimmung könnten deshalb nicht getrennt voneinander betrachtet werden.

Der Österreichische Behindertenrat bedankt sich bei allen Vortragenden, Podiumsgästen, Teilnehmer*innen und Mitwirkenden. Ein besonderer Dank gilt dem ÖGB und dem Chancen Nutzen Büro für die Zusammenarbeit, die Unterstützung und die Bereitstellung der Räumlichkeiten.

6 Personen sitzen auf der Bühne, davon eine Frau im Rollstuhl, eine Frau spricht in ein Mikrofon.
Zwei Frauen sitzen auf der Bühne, eine spricht in ein Mikrofon. Hinter ihnen sind auf einer Powerpoint Folie verschiedene Gewaltformen erklärt.
6 Personen sitzen auf der Bühne, darunter zwei Rollstuhlfahrerinnen. Rechts am Rand steht eine ÖGS Dolmetscherin.
Die Videobotschaft von Katrin Langensiepen wird im Saal gezeigt.
Eine Frau im Rollstuhl sitzt auf der Bühne. Hinter ihr steht "Herzlich Willkommen zur Fachkonferenz", rechts am Rand steht ein ÖGS Dolmetscher.
Viele Personen sitzen in einem Seminarraum, vorne sitzen 4 Personen die die Session leiten.
Viele Personen sitzen im Publikum, ein Mann macht eine Wortmeldung, er spricht in ein Mikrofon.
Viele Personen sitzen in einem Seminarraum, vor ihnen sitzen zwei Personen die die Session leiten. Am Rand sitzen zwei Schriftdolmetscherinnen.
Viele Personen sitzen im Halbkreis, vorne sitzen 3 Frauen, die die Session leiten, eine davon ist im Rollstuhl.
Zwei Frauen sprechen auf der Bühne, neben ihnen sieht man eine Powerpoint Präsentation, bei der Gewaltschutzkonzepte erklärt werden.

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Der Österreichische Behindertenrat

Seit 1976 vertritt der Österreichischen Behindertenrat mehr als 1,4 Millionen Menschen mit Behinderungen in Österreich. Die gesetzlich verankerte, parteipolitisch unabhängige Dachorganisation der Behindertenverbände in Österreich mit mehr als 85 Mitgliedsorganisationen setzt sich für die Umsetzung des Bundes-Behindertengleichstellungsgesetzes ein und fördert Barrierefreiheit und Gleichstellung auf nationaler, EU- und internationaler Ebene. Der Behindertenrat bereitet Vorschläge von Menschen mit Behinderungen auf, arbeitet in Gremien mit, pflegt Kontakte zur Wissenschaft und baut umfassende Dokumentationen zu Hilfsmitteln, Fachliteratur und sozialen Diensten auf.

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