Stein der Erinnerung für Siegfried Braun und die Erste österreichische Krüppelarbeitsgemeinschaft
Enthüllung eines Steines der Erinnerung im Gedenken an die Erste österreichische Krüppelarbeitsgemeinschaft und ihren Gründer Siegfried Braun
Es sprechen
- LAbg. Mag. Stefanie Vasold für die Spender*innen
- NAbg. a.D. Dr. Irmtraut Karlsson für den Verein „Steine der Erinnerung Josefstadt“
Siegfried Braun und die Erste österreichische Krüppelarbeitsgemeinschaft
Die Erste österreichische Krüppelarbeitsgemeinschaft wurde 1926 in Wien gegründet. Sie war eine der ersten Selbsthilfeorganisationen von Menschen mit körperlichen Behinderungen in Österreich.
Initiator und prägende Persönlichkeit war Siegfried Braun. Ziel der Arbeitsgemeinschaft war es, die Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderungen zu verbessern und ihnen Zugang zu Arbeit, Ausbildung und sozialer Absicherung zu ermöglichen.

Die Organisation vertrat klare sozialpolitische Forderungen. Ihr Leitgedanke lautete „Arbeit, nicht Mitleid“ und „Arbeit, nicht Siechenhaus“.
Damit wandte sich die Arbeitsgemeinschaft gegen die damals verbreitete Vorstellung, Menschen mit Behinderungen müssten vor allem versorgt oder in Heimen untergebracht werden. Stattdessen forderte sie Erwerbsarbeit, Ausbildungsmöglichkeiten und gesetzliche soziale Rechte.
Zu den zentralen Forderungen gehörten medizinische Behandlung und Hilfsmittel, schulische Bildung auch für Kinder mit schweren körperlichen Beeinträchtigungen, berufliche Ausbildungsmöglichkeiten sowie staatliche Unterstützung für Werkstätten und Arbeitsmöglichkeiten. Ebenso setzte sich die Arbeitsgemeinschaft für eine gesetzliche soziale Absicherung ein.
Die Organisation war damit eine frühe Stimme für Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen.

Verfolgung und Ermordung
Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland im Jahr 1938 wurde die Arbeitsgemeinschaft aufgelöst und in NS-Strukturen eingegliedert.
Siegfried Braun wurde später von den Nationalsozialisten deportiert. Er wurde zunächst nach Theresienstadt gebracht und anschließend nach Auschwitz deportiert, wo er ermordet wurde.
Erinnerung in der Josefstadt
Der neue Stein der Erinnerung in der Wickenburggasse erinnert an Siegfried Braun und an die von ihm gegründete Selbsthilfeorganisation.
Die Initiative geht vom Verein „Steine der Erinnerung Josefstadt“ aus. Der Verein widmet sich der Erinnerung an Menschen, die während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, deportiert oder ermordet wurden und im 8. Wiener Gemeindebezirk lebten.
Die sogenannten Steine der Erinnerung werden im öffentlichen Raum angebracht und erinnern meist am letzten freiwilligen Wohnort an die betroffenen Personen. Sie machen sichtbar, wer hier gelebt hat und welche Schicksale mit der nationalsozialistischen Verfolgung verbunden waren.
Erinnerung an frühe Selbsthilfe
Die Enthüllung des Steines erinnert nicht nur an eine einzelne Person. Sie macht auch auf ein Kapitel der österreichischen Behindertenbewegung aufmerksam, das lange wenig bekannt war.
Bereits in den 1920er-Jahren organisierten sich Menschen mit Behinderungen selbst, um für ihre Rechte einzutreten. Die Forderungen der damaligen Bewegung – Arbeit, Bildung, soziale Absicherung und gesellschaftliche Teilhabe – sind bis heute zentrale Themen der Behindertenpolitik.
Die Erinnerung an Siegfried Braun und die Erste österreichische Krüppelarbeitsgemeinschaft zeigt, dass die Geschichte der Selbstvertretung von Menschen mit Behinderungen in Österreich weit zurückreicht.