Unter dem Titel „Rechte statt Almosen! Die österreichische Behindertenbewegung in der Zwischenkriegszeit“ rückt die Wanderausstellung die frühe Selbstvertretung von Menschen mit Behinderungen in den Mittelpunkt. Ausgangspunkt ist die Gründung der „Ersten Österreichischen Krüppelarbeitsgemeinschaft“ im August 1926 durch Menschen mit körperlichen Behinderungen. Die damalige diskriminierende Fremdbezeichnung eigneten sich die Mitglieder bewusst an und deuteten sie um.
Ab 1927 gab die Organisation die Zeitschrift „Der Krüppel“ heraus. Sie wurde zum Sprachrohr für Forderungen nach gesellschaftlicher Teilhabe. Unter dem Motto „Arbeit, kein Mitleid!“ setzte sich die Arbeitsgemeinschaft für mehr Rechte, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen ein.

Zur Eröffnung begrüßte Monika Sommer, Gründungsdirektorin des Hauses der Geschichte Österreich, die Gäste. Kuratorin Angela Wegscheider führte in die Ausstellung und das Forschungsprojekt ein. Anschließend diskutierten Volker Schönwiese, Bundesbehindertenanwältin Christine Steger, Kurt G. Beck und Martin Ladstätter, Vizepräsident des Österreichischen Behindertenrats und Obmann von BIZEPS, über die Bedeutung der Geschichte der Behindertenbewegung.
„Die Ausstellung erinnert daran, wie wenig wir über diese frühe Behindertenbewegung wissen. Bei der Wahrnehmung von Menschen mit Behinderungen als politisch aktive Subjekte gibt es noch viele blinde Flecken“, betonte Ladstätter.
Selbstvertretung, Nationalsozialismus und Neubeginn
Die Ausstellung zeigt, wie die frühe Interessenvertretung eigene Strukturen sowie Bildungs-, Kultur- und Sportangebote aufbaute. In der Ersten Republik erhielten Menschen, deren Behinderungen auf Krieg oder Arbeitsunfälle zurückgingen, mehr Rechte und Unterstützung als andere Menschen mit Behinderungen. Die Arbeitsgemeinschaft setzte sich dafür ein, diese Rechte weiter auszubauen.
„Die Erste Österreichische Krüppelarbeitsgemeinschaft formulierte das Motto: ‚Arbeit, kein Mitleid!‘ Sie erkannte Diskriminierung als Ursache ihrer Not. Diese Erkenntnis war damals grundlegend – und ist bis heute aktuell“, erläutert Kuratorin Angela Wegscheider.
Auch die Zeit des Nationalsozialismus und der Neubeginn nach 1945 werden thematisiert. 1938 unterstützte die Vereinsleitung die Eingliederung in NS-Strukturen. Gleichzeitig wurden mehr als 60 jüdische Mitglieder aus dem Verein ausgeschlossen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gründete sich die Interessenvertretung neu, wobei interne Konflikte den Neuanfang prägten.
Disability History-Projekt mit Staatspreis ausgezeichnet
Die Wanderausstellung entstand im Rahmen des Forschungsprojekts „100 Jahre Behindertenbewegung“ von Angela Wegscheider und Volker Schönwiese. Sie ergänzt zugleich die Auseinandersetzung des Hauses der Geschichte Österreich mit Disability History. Seit April 2024 sammelt und bewahrt das Disability History-Projekt die politische und aktivistische Geschichte von Menschen mit Behinderungen und ihren Einsatz für Selbstbestimmung.
Für dieses Projekt erhält das Haus der Geschichte Österreich im November 2026 den Österreichischen Staatspreis für Geschichtswissenschaften in der Kategorie „Geschichte innovativ“. Mehr als 400 Objekte wurden dem Museum im Zuge des Projekts angeboten. Eine Fokusgruppe aus Selbstvertreter*:innen, Aktivist*innen, Forscher*innen und Community-Archivar*innen war gemeinsam mit dem Museum an der Auswahl der Objekte für die Sammlung beteiligt.
„Ich freue mich, dass wir diese Ausstellung als erste Institution zeigen können. Das hdgö setzt sich laufend im Disability History-Projekt mit der politischen Geschichte von Menschen mit Behinderungen auseinander und wurde dafür gerade mit einem Staatspreis ausgezeichnet. Die Ausstellung Rechte statt Almosen! ergänzt unseren Zugang anhand besonderer historischer Quellen“, erklärt hdgö-Direktorin Monika Sommer.
Zu sehen ist „Rechte statt Almosen! Die österreichische Behindertenbewegung in der Zwischenkriegszeit“ vom 30. September bis 2. November 2026 im Haus der Geschichte Österreich in der Neuen Hofburg am Wiener Heldenplatz. Kuratorin Angela Wegscheider führt am 1. Oktober um 18:15 Uhr in deutscher Standardsprache und am 31. Oktober um 16 Uhr in einfacher Sprache durch die Ausstellung.
Impressionen

Kurt G. Beck (links) und Martin Ladstätter im Gespräch bei der Eröffnung der Ausstellung „Rechte statt Almosen!“ im Haus der Geschichte Österreich. Foto: Barbara Haider-Novak

Von links: Volker Schönwiese, Christine Steger, Angela Wegscheider, Kurt G. Beck und Martin Ladstätter bei der Podiumsdiskussion zur Eröffnung der Ausstellung „Rechte statt Almosen!“ im Haus der Geschichte Österreich. Foto: Barbara Haider-Novak

Christine Steger (links) und Angela Wegscheider bei der Podiumsdiskussion zur Eröffnung der Ausstellung „Rechte statt Almosen!“ im Haus der Geschichte Österreich. Im Hintergrund eine Gebärdensprachdolmetscherin. Foto: Barbara Haider-Novak

Angela Wegscheider (links), Kurt G. Beck und Martin Ladstätter bei der Podiumsdiskussion zur Eröffnung der Ausstellung „Rechte statt Almosen!“ im Haus der Geschichte Österreich. Foto: Barbara Haider-Novak

Seit 100 Jahren setzen sich Menschen mit Behinderungen für ihre Rechte und Selbstbestimmung ein. Von 30. September bis 2. November 2026 zeigt das Haus der Geschichte Österreich (hdgö) die externe Wanderausstellung Rechte statt Almosen! im Museumsfoyer. Sie erzählt von der österreichischen Behindertenbewegung in der Zwischenkriegszeit. Foto: David Tiefenthaler/hdgö, cc by-nc 4.0