Für gehörlose Menschen kann bereits ein gewöhnlicher Arztbesuch mit erheblichem organisatorischem Aufwand verbunden sein. Besonders schwierig wird die Situation, wenn kurzfristig medizinische oder psychologische Hilfe benötigt wird. Bei der Präsentation von „Besser Leben“ am 22. September 2026 in Wien schilderten gehörlose Menschen und Fachleute, welche Barrieren ihnen im Gesundheits-, Sozial- und Freizeitbereich begegnen.
Eröffnet wurde die Präsentation von equalizent-Geschäftsführerin Marietta Adlbrecht. equalizent ist ein Wiener Bildungs- und Beratungsunternehmen für gehörlose, schwerhörige und hörende Menschen. Neben Beratung und Weiterbildung entwickelt die Organisation Projekte zu Gebärdensprache, Inklusion und Barrierefreiheit.
Das neue Portal besserleben.wien soll Gesundheits- und Sozialangebote leichter auffindbar machen. Informationen stehen in Österreichischer Gebärdensprache und in leicht verständlicher Sprache zur Verfügung. Das Projekt gliedert sich in drei Bereiche: inklusive Gesundheitsangebote, Prävention sowie Lernmaterialien und ein Lexikon.

Dolmetschen muss oft erst organisiert werden
equalizent-Mitarbeiter Thorben Pachler verwies darauf, dass gehörlose Menschen in vielen Situationen zunächst Dolmetscher*innen organisieren müssen. Das betrifft nicht nur Arztbesuche, sondern zahlreiche Bereiche des täglichen Lebens.

Paulina Spelbrink, gehörlose klinische Psychologin und Sekretärin des Österreichischen Gehörlosenbundes, spricht bei der Präsentation von „Besser Leben“ über Barrieren in der psychologischen Versorgung gehörloser Menschen.
Die gehörlose Psychologin Paulina Spelbrink beschrieb, wie belastend es sein kann, in einer Krise zuerst eine Dolmetschperson organisieren zu müssen. Spelbrink ist Sekretärin des Österreichischen Gehörlosenbundes und lehrt an der Medizinischen Universität Wien.
Sie machte außerdem auf Schwierigkeiten bei psychologischen Testungen gehörloser Kinder aufmerksam. Fehlendes Wissen über Gehörlosigkeit und Gebärdensprache könne dazu führen, dass Testergebnisse den tatsächlichen Entwicklungsstand eines Kindes nicht angemessen widerspiegeln.
Pachler fasste einen zentralen Punkt so zusammen: Gehörlose Menschen brauchen Peers, auch in Beratungsangeboten.
Für spezialisierte Versorgung fehlen Angebote
Die klinische Psychologin Marie Burgstaller schilderte, wie rasch bestehende Strukturen an ihre Grenzen stoßen. Für ein gehörloses Kind suchte sie vor Kurzem eine diagnostische Abklärung hinsichtlich einer Autismus-Spektrum-Störung oder oder einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). In Wien war ihr keine geeignete Stelle bekannt, die sowohl diagnostische Kompetenz als auch Gebärdensprachkompetenz und Wissen über Gehörlosigkeit vereint. Die Familie musste nach Linz verwiesen werden.
Ähnliche Schwierigkeiten gebe es bei psychiatrischer Versorgung oder in akuten Krisen. Auch bei Frauenhäusern, Beratungsstellen oder rechtlicher Beratung stelle sich die Frage, ob Angebote tatsächlich in Gebärdensprache zugänglich sind.
Versorgung soll über Wien hinaus verbessert werden
Auch die politische Dimension der Gesundheitsversorgung war Thema der Veranstaltung. NEOS-Gesundheitssprecherin Fiona Fiedler verwies darauf, dass der Zugang zu medizinischer Versorgung für gehörlose Menschen weiterhin mit erheblichen Hürden verbunden ist. Besonders bei Notruf- und Relay-Angeboten gebe es Einschränkungen durch begrenzte Zeiten und personelle Ressourcen.

NEOS-Nationalratsabgeordnete Fiona Fiedler begrüßt die Teilnehmer*innen bei der Präsentation von „Besser Leben“ in Österreichischer Gebärdensprache.
„Besser Leben“ bezeichnete Fiedler als wichtigen Schritt. Langfristig brauche es jedoch eine österreichweit flächendeckende Versorgung und eine bessere Verknüpfung bestehender Angebote. Gerade in medizinischen Notfällen müsse ein verlässliches Netz jederzeit erreichbar sein.
Zugleich verwies sie auf Fortschritte bei der Österreichischen Gebärdensprache im Bildungsbereich. Dennoch brauche es mehr gehörlose Pädagog*innen und insgesamt mehr Bewusstsein für die Barrieren, mit denen gehörlose Menschen im Alltag konfrontiert sind.
Gesundheit beginnt nicht erst beim Arztbesuch
Auch Bewegung und Prävention waren bereits bei der Pressekonferenz Thema.
Der gehörlose Fitness- und Personaltrainer Manfred Schütz schilderte Barrieren in Fitnessstudios und Gruppentrainings. Mündliche Anweisungen zu Übungen, Wiederholungen oder Atmung bekommen gehörlose Teilnehmer:innen oft nicht mit. Schütz demonstrierte, wie solche Informationen visuell und in Gebärdensprache vermittelt werden können. Gebärdensprachkompetente Trainer*innen gebe es in Österreich bislang kaum.
Sarah Kaspar vom Universitätsklinikum Wiener Neustadt präsentierte später beim Expert*innen-Talk das Projekt „Auf Augenhöhe“. Die diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin begleitet dort gehörlose Patient*innen. Kommunikationshilfen, visuelle Materialien und Gebärdensprache erleichtern die Verständigung mit dem medizinischen Personal. Für diese Aufgabe stehen ihr zehn Stunden pro Woche zur Verfügung. Patient*innen, die ihre eigene ÖGS-Dolmetscher*innen mitbringen möchten, erhalten die Kosten dafür von der Klinik ersetzt.

Sarah Kaspar vom Universitätsklinikum Wiener Neustadt initiierte das Projekt „Auf Augenhöhe“, das gehörlose Patient*innen mit Gebärdensprache und visuellen Kommunikationshilfen unterstützt.
Sie berichtete, dass das Universitätsklinikum Wiener Neustadt auf seiner Website außerdem Informationen in Österreichischer Gebärdensprache bereitstellt. Dazu gehören Videos zu wichtigen Themen rund um einen Krankenhausaufenthalt, damit sich gehörlose Patient*innen bereits vorab informieren können.
Claudia Schinnerer zeigt ebenfalls, wie spezialisierte Gesundheitsangebote barriereärmer gestaltet werden können. Die hörbeeinträchtigte Diätologin arbeitet selbstständig in Wien und kooperiert mit der Marien Apotheke. Dort bietet sie Ernährungsberatung und ernährungsmedizinische Begleitung an, unter anderem bei Diabetes, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Unverträglichkeiten oder chronischen Darmerkrankungen. Beratungen sind auch in Österreichischer Gebärdensprache möglich.
Damit wird ein Bereich zugänglicher, der für Prävention und den Umgang mit chronischen Erkrankungen eine wichtige Rolle spielt, in dem gehörlose und schwerhörige Menschen ebenfalls auf Kommunikationsbarrieren stoßen können.
Portal soll Versorgungslücken sichtbar machen
„Besser Leben“ soll nicht nur vorhandene Angebote sammeln, sondern auch zeigen, wo geeignete Anlaufstellen fehlen. Gehörlose Menschen sollen schneller erkennen können, welche Angebote für sie zugänglich sind. Gleichzeitig werden Versorgungslücken sichtbar.
Barrierefreie Gesundheitsversorgung beginnt dort, wo gehörlose Menschen unmittelbar kommunizieren, Informationen verstehen und Gesundheitsangebote selbstverständlich nutzen können.
Service Links
Österreichischer Gehörlosenbund
Projekt „Auf Augenhöhe“ am Universitätsklinikum Wiener Neustadt
Claudia Schinnerer. Ernährungsberatung und ernährungsmedizinische Beratung in Wien