Mit großer Betroffenheit nimmt der Österreichische Behindertenrat Abschied von Mag. Bernadette Feuerstein, die am 28. Juli 2026 im Alter von 67 Jahren verstorben ist.
Mit ihr verliert Österreich eine der prägenden Persönlichkeiten der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung. Über Jahrzehnte setzte sie sich mit großer Konsequenz dafür ein, dass Menschen mit Behinderungen selbst über ihr Leben bestimmen können und ihre Rechte uneingeschränkt verwirklicht werden. Ihr Wirken hat die österreichische Behindertenpolitik nachhaltig geprägt und reicht weit über die Grenzen der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung hinaus.
Als Mitbegründerin von BIZEPS, langjährige Vorsitzende von Selbstbestimmt Leben Österreich und Ministerialrätin im Bundesdienst verband Bernadette Feuerstein politisches Engagement mit fachlicher Expertise. Sie gehörte zu jener Generation von Aktivist*innen, die den Wandel von einer Fürsorgepolitik hin zu einem menschenrechtlichen Verständnis von Behinderung maßgeblich mitgestaltet haben. Persönliche Assistenz, Barrierefreiheit, die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention und die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen waren zentrale Anliegen ihres jahrzehntelangen Wirkens.
Geprägt wurde ihr Weg schon früh durch ihre Familie. Ihr Vater, der Architekt Günther Feuerstein, zählte zu den Wegbereitern des barrierefreien Bauens in Österreich. Bernadette Feuerstein erzählte später selbst, dass sie durch ihn den Zugang zur Behindertenbewegung fand. Früh erkannte sie jedoch, dass Barrierefreiheit allein nicht ausreicht. Ebenso notwendig sind Selbstbestimmung, gesellschaftliche Teilhabe und die aktive Mitgestaltung durch Menschen mit Behinderungen selbst.
Ein besonderes Anliegen waren ihr die Rechte von Frauen mit Behinderungen. Sie machte immer wieder auf Mehrfachdiskriminierungen aufmerksam und setzte sich dafür ein, dass Frauen mit Behinderungen als Expertinnen in eigener Sache sichtbar werden. Als Mitglied des Kompetenzteams Frauen mit Behinderungen des Österreichischen Behindertenrats brachte sie ihre langjährige Erfahrung unter anderem zu Persönlicher Assistenz, Elternschaft, Disability Mainstreaming und der UN-Behindertenrechtskonvention ein. Damit trug sie wesentlich dazu bei, frauenpolitische Perspektiven innerhalb der Behindertenpolitik zu stärken.
Bernadette Feuerstein verstand die Behindertenbewegung stets als Menschenrechtsbewegung. Sie war überzeugt, dass politische Entscheidungen nur gemeinsam mit Menschen mit Behinderungen getroffen werden dürfen. Der Leitsatz „Nichts über uns, ohne uns“ war für sie keine Forderung, sondern gelebte Praxis. Mit großer Beharrlichkeit, fachlicher Kompetenz und klaren Argumenten setzte sie sich für Veränderungen ein und scheute auch kritische Debatten nicht.
Auch mit dem Österreichischen Behindertenrat verband sie eine lange Geschichte. Unterschiedliche Auffassungen in behindertenpolitischen Fragen waren für Bernadette Feuerstein selbstverständlicher Teil eines demokratischen Diskurses. Trotz mancher inhaltlicher Differenzen verband sie und den Österreichischen Behindertenrat das gemeinsame Ziel, die Rechte von Menschen mit Behinderungen nachhaltig zu stärken. Dieses gemeinsame Anliegen zeigte sich in zahlreichen Projekten und Veranstaltungen, in den letzten Jahren beispielsweise bei der Staatenprüfung Österreichs vor dem UN-Fachausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen in Genf über Workshops zum inklusiven Katastrophenschutz bis hin zur öffentlichen Lesung der UN-Behindertenrechtskonvention im Rahmen der „Baustelle Inklusion“.
Bis zuletzt brachte Bernadette Feuerstein ihre Erfahrung und ihr Wissen in aktuelle behindertenpolitische Fragen ein. Ob bei der Entwicklung inklusiver Katastrophenschutzkonzepte, bei der Entfluchtungsübung im Koralmtunnel oder im Austausch mit Politik, Verwaltung und Selbstvertretungsorganisationen, sie blieb ihrer Überzeugung treu, dass Inklusion nur gemeinsam gelingen kann.
Mit Bernadette Feuerstein verliert Österreich eine kluge Analytikerin, eine überzeugende Menschenrechtsaktivistin und eine Persönlichkeit, die Generationen von Menschen mit Behinderungen ermutigt hat, ihre Rechte selbstbewusst einzufordern. Ihr Einsatz für Selbstbestimmung, Gleichberechtigung und eine inklusive Gesellschaft wird weit über ihr eigenes Wirken hinaus Bestand haben.
Unsere Gedanken sind bei ihrem Lebensgefährten Bernhard Hruska, mit dem sie über viele Jahrzehnte ihr Leben und ihr Engagement für Selbstbestimmung und Inklusion teilte, bei ihrer gemeinsamen Tochter Lea sowie ihrer Familie, ihren Freund*innen und allen Wegbegleiter*innen.
Der Österreichische Behindertenrat wird Bernadette Feuerstein ein ehrendes Andenken bewahren.
Erinnerungsmomente


