In der Wiener Josefstadt wurde am 20. Mai 2026 ein Stein der Erinnerung für Siegfried Braun und die Erste österreichische Krüppelarbeitsgemeinschaft enthüllt. Die Veranstaltung erinnerte an eine frühe Selbsthilfeorganisation von Menschen mit Behinderungen und an ihren Gründer, der von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurde.
In der Wickenburggasse im 8. Wiener Gemeindebezirk fand am 20. Mai 2026 die Enthüllung eines Steins der Erinnerung für Siegfried Braun und die Erste österreichische Krüppelarbeitsgemeinschaft statt. Der Stein erinnert an die frühe Selbsthilfeorganisation von Menschen mit Behinderungen und an ihren Gründer Siegfried Braun, der von den Nationalsozialisten deportiert und ermordet wurde.
Bei der Enthüllung des Gedenksteins sprachen Behindertenrats-Vizepräsident Martin Ladstätter, M.A. für den Österreichischen Behindertenrat, LAbg. Mag. Astrid Rompolt, stellvertretende Vorsitzende der Wiener gemeinderätlichen Kommission für Inklusion und Barrierefreiheit, für die Spender*innen sowie NAbg. a.D. Dr. Irmtraut Karlsson für den Verein „Steine der Erinnerung Josefstadt“.

Bei der Enthüllung des Steins der Erinnerung für Siegfried Braun und die Erste österreichische Krüppelarbeitsgemeinschaft in der Wiener Josefstadt: NAbg. a.D. Dr. Irmtraut Karlsson, Behindertenrats-Vizepräsident Martin Ladstätter, MA, und LAbg. Mag. Astrid Rompolt.
Frühe Selbstorganisation von Menschen mit Behinderungen
Die Erste österreichische Krüppelarbeitsgemeinschaft wurde am 19. August 1926 gegründet. Zunächst befand sich ihr Sitz in der Pazmanitengasse 7 im 2. Wiener Gemeindebezirk. Ab 1. Dezember 1930 war die Organisation im neu errichteten Gemeindebau in der Wickenburggasse 15, Stiege III, Tür 6 untergebracht, dem heutigen Therese-Schlesinger-Hof.

Teilnehmer*innen der Enthüllung des Steins der Erinnerung vor dem Therese-Schlesinger-Hof in der Wiener Josefstadt. Dort befand sich ab 1930 das Büro der Ersten österreichischen Krüppelarbeitsgemeinschaft.
Die Arbeitsgemeinschaft gehörte zu den ersten Selbsthilfeorganisationen von Menschen mit körperlichen Behinderungen in Österreich. Ihr Ziel war es, die Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderungen zu verbessern und den Zugang zu Arbeit, Ausbildung und sozialer Absicherung zu ermöglichen.
Zu den Forderungen der Organisation gehörten medizinische Behandlung und Hilfsmittel, schulische Bildung auch für Kinder mit schweren körperlichen Behinderungen, berufliche Ausbildungsmöglichkeiten sowie staatliche Unterstützung für Werkstätten und Arbeitsmöglichkeiten. Ebenso setzte sich die Arbeitsgemeinschaft für eine gesetzliche soziale Absicherung ein.
Die Organisation wandte sich gegen die damals verbreitete Vorstellung, Menschen mit Behinderungen müssten vor allem versorgt oder in Heimen untergebracht werden. Stattdessen forderte sie gesellschaftliche Teilhabe und Erwerbsarbeit.
Der zentrale Leitspruch lautete: „Arbeit, nicht Mitleid“ und „Arbeit, nicht Siechenhaus“.
Im neuen Lokal in der Wickenburggasse wurden unter anderem Werkstätten eingerichtet. Außerdem bot die Organisation eine ärztliche Beratung an, die jeden Mittwoch getrennt nach Geschlechtern stattfand. Unterstützung gab es auch bei der Einreichung oder Verlängerung von Radiogebührenbefreiungen.Siegfried Braun und der Kampf gegen Ausgrenzung
Initiator und prägende Persönlichkeit der Arbeitsgemeinschaft war Siegfried Braun. Er wurde am 28. Dezember 1893 in Mehelnice geboren und übersiedelte 1913 nach Wien.
In der Zeitschrift der Organisation „Der Krüppel“ schilderte Braun seine Erfahrungen mit Ausgrenzung und fehlender Unterstützung. In einem Beitrag aus dem Jahr 1934 schrieb er:
„Im Jahre 1913 bin ich von Olmütz in Mähren nach Wien übersiedelt, in der Hoffnung, dass von den großen Versprechungen, die mir Primarius Dr. Kienast als Leiter der damaligen Krüppelfürsorgeanstalt ‚Leopoldineum‘ und der berühmte Orthopäde Prof. Lorenz als Leiter der Universitätsklinik machten, wenigstens ein Bruchteil eingelöst werden würden. Aber von beiden Seiten bekam ich als Abfertigung jene Worte zu hören, die immer als Damoklesschwert über uns Schwerkrüppeln hängen, wenn wir arm sind und keine Angehörigen besitzen: ‚Am besten ist es, Sie gehen ins Siechenhaus‘.“
Weiter schrieb Braun:
„Gut, ich geh‘ ins Siechenhaus, aber vorher schaffe ich eine Stelle, die anderen Krüppeln das jahrelange Suchen und dann Zuspätkommen für eine Hilfe nach Möglichkeiten erspart.“
Auch über die Bezeichnung „Krüppel“ wurde innerhalb der Organisation diskutiert. Siegfried Braun schrieb dazu 1928 in der Zeitschrift „Der Krüppel“:
„Was uns Krüppel zu Boden drückt, ist nicht das Wort, sondern die Wertung, das Vorurteil, das die Allgemeinheit, sei es der Staat oder die Gesellschaft, damit verbindet. Ich sehe gar keine Änderung darin, daß ich nur die Signatur ‚Körperbehinderter‘, ‚Körperbeschädigter‘, ‚Bewegungsgestörter‘, ‚Zivilinvalide‘ erhalte. Auf gut Wienerisch würde das heißen: g’hupft wie g’sprungen.“
Die Diskussion über Sprache und gesellschaftliche Zuschreibungen war damit bereits in den 1920er-Jahren Teil der Selbstvertretung von Menschen mit Behinderungen.
Verfolgung durch das NS-Regime
Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland im Jahr 1938 wurde die Arbeitsgemeinschaft aufgelöst und in NS-Strukturen eingegliedert.
Siegfried Braun wurde am 30. März 1943 nach Theresienstadt deportiert und später nach Auschwitz transportiert. Dort wurde er am 23. Oktober 1944 ermordet.
Der neue Stein der Erinnerung in der Wickenburggasse erinnert an ihn und an die von ihm gegründete Selbsthilfeorganisation.
Erinnerung in der Josefstadt
Die Initiative für den Stein geht vom Verein „Steine der Erinnerung Josefstadt“ aus. Der Verein widmet sich der Erinnerung an Menschen, die während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, deportiert oder ermordet wurden und im 8. Wiener Gemeindebezirk lebten.
Die sogenannten Steine der Erinnerung werden im öffentlichen Raum angebracht und erinnern meist am letzten freiwilligen Wohnort an die betroffenen Personen. Sie machen sichtbar, wer hier gelebt hat und welche Schicksale mit der nationalsozialistischen Verfolgung verbunden waren.
Der Verein wurde 2007 von Irmtraut Karlsson und Manfred Kerry gegründet. Ausgangspunkt war das europaweite Projekt der „Stolpersteine“ des Künstlers Günter Demnig.
Über die Idee hinter den Erinnerungssteinen sagte Irmtraut Karlsson:
„Die Steine, kleine Messingplatten, sind im Alltag nur für jene bemerkbar, die sich näher auseinandersetzen wollen. Wer den Text lesen will, muss sich vor dem Andenken an die Person verneigen.“
Die Steine erinnern nicht nur an bekannte Persönlichkeiten, sondern auch an Menschen, an die sich heute oft niemand mehr erinnern kann. Angehörige oder Bekannte setzen die Steine häufig, um den letzten freiwillig gewählten Wohnort der betroffenen Personen sichtbar zu machen.
Therese-Schlesinger-Hof
Der heutige Therese-Schlesinger-Hof wurde 1949 nach der sozialdemokratischen Frauenpolitikerin Therese Schlesinger benannt. Sie gehörte 1919 zu den ersten Frauen, die in das österreichische Parlament gewählt wurden.
Therese Schlesinger lebte selbst mit gesundheitlichen Folgen einer Erkrankung nach der Geburt ihrer Tochter Anna im Jahr 1890. Nach dem „Anschluss“ Österreichs musste sie 1938 vor den Nationalsozialisten nach Frankreich flüchten. Sie starb am 5. Juni 1940 in Blois.
Erinnerung an frühe Behindertenbewegung
Die Enthüllung des Steins erinnert nicht nur an das Schicksal von Siegfried Braun. Sie macht auch auf ein Kapitel der österreichischen Behindertenbewegung aufmerksam, das lange wenig bekannt war.
Bereits in den 1920er-Jahren organisierten sich Menschen mit Behinderungen selbst, um für ihre Rechte einzutreten. Die Forderungen der damaligen Bewegung nach Arbeit, Bildung, sozialer Absicherung und gesellschaftlicher Teilhabe sind bis heute zentrale Themen der Behindertenpolitik.
Die Geschichte der Ersten österreichischen Krüppelarbeitsgemeinschaft zeigt, dass die Selbstvertretung von Menschen mit Behinderungen in Österreich weit zurückreicht und bereits lange vor der Gründung heutiger Interessenvertretungen bestand.